Gert Bürgel, Dresden; Günter Held, Flensburg
Mehr als 30 urbane, geographische und historische Orte mit dem Namen "Dresden" sind auf der Welt bekannt. Ein Kapitel zu diesem Thema hat auch der "Kleine Kreuzer DRESDEN" im 1. Weltkrieg hinzugefügt. Dieses Schiff hat nicht nur Geschichte geschrieben, sondern auch unauslöschliche Namensspuren auf dem amerikanischen Kontinent hinterlassen: Es sind Dresden-Orte des Gedenkens an das Schicksal des Schiffes und seine Besatzung.

Auf den Spuren des Kleinen Kreuzers DRESDEN

Der Schiffsname DRESDEN

Nicht nur ein Kriegsschiff der Kaiserlichen Marine trug diesen Namen. Auch viele andere Schiffe mit dem Namen "Dresden" sind mehr oder weniger bekannt. Ein glorreiches Schiffsleben war den wenigsten von ihnen beschieden, denn viele hatten ein außergewöhnliches Ende gefunden.


Hier eine Auflistung der Schiffe in zeitlicher Reihenfolge:
  1. Lloyd-Dampfer DRESDEN, 4800 BRT, Baujahr 1888, als Schiff der türkischen Marine 1914 versenkt
  2. Fischdampfer DRESDEN, 158 BRT, 1897-1917, verschollen, wahrscheinlich Minentreffer
  3. Kleiner Kreuzer DRESDEN, 1907 - 1915, Selbstversenkung bei Mas a Tierra
  4. Dampfer DRESDEN, vormals "Zeppelin", 14167 BRT, Baujahr 1915, 1927 umbenannt, 1934 gekentert
  5. Kleiner Kreuzer DRESDEN (II) 1917-1919, bei Scapa Flow auf Strand gesetzt
  6. Fischdampfer DRESDEN, Bremerhaven, 254 BRT,
    1921 -1950, abgewrackt
  7. MS DRESDEN, Kombifrachter,1937-1944, versenkt, später gehoben und 1950 als "Doba" gestrandet
  8. Gefrierfischtransporter DRESDEN, Baujahr 1938, 140 BRT, 1944 an Griechenland
  9. Frachter DRESDEN der Hapag Lloyd, 1957 - 1972 nach Singapur ausgeflaggt
  10. Frachter MS DRESDEN, 1958-1969, 10.000 BRT, DSR Rostock - heute Traditionsschiff in Rostock
  11. Trawler DRESDEN, 1958 (ROS 219) Rostock
  12. Kutter DRESDEN (SAS 109) Sassnitz
  13. DRESDEN - EXPRESS, 1991, Containerschiff der Hapag Lloyd, Patenschiff der Stadt Dresden

    Folgende Binnenschiffe fahren noch heute auf der Elbe:

  14. Personendampfer DRESDEN, Baujahr 1879, später umbenannt in MÜHLBERG und STADT WEHLEN
  15. Personendampfer DRESDEN, Baujahr 1926
  16. Schlepper DRESDEN, Baujahr 1972
  17. MS DRESDEN, Baujahr 1991, Hotel- und Kreuzfahrtschiff der Reederei Deilmann.
Dampfer DRESDEN (vormals Zeppelin)
 
MS DRESDEN Kombifrachter
 
Grafik SMS DRESDEN






Der Kleine Kreuzer DRESDEN

Am 5. Oktober 1907 hielt der damalige Dresdner Oberbürgermeister Dr. Beuteler die Festrede anlässlich des Stapellaufs von "Seine Majestät Schiff - Kleiner Kreuzer DRESDEN". Es war das erste Mal, dass die sächsische Metropole eine Patenschaft für ein Schiff übernahm. Die Fahrten und die Ereignisse um die SMS DRESDEN wurden zur Legende. Für die ältere Generation sind diese vielleicht noch ein Begriff. Aber im heutigen Geschichtsbewusstsein der Dresdner Bevölkerung spielt das ehemalige Patenschiff eher eine untergeordnete Rolle. Umso überraschender sind die Fakten, die der interessierte Leser in der Literatur finden kann.
Das wohl bekannteste und umfassendste Buch über die Geschichte der "S.M.S. DRESDEN" hat die chilenische Autorin Maria Teresa Parker de Bassi im Jahre 1987 veröffentlicht. Der Titel der deutschen Buchausgabe heißt "Kreuzer Dresden, Odyssee ohne Wiederkehr".
In der Zusammenfassung ihres Buches ist zu lesen:
"Mit dem Schicksal von Schiff und Besatzung des Kleinen Kreuzers DRESDEN greift dieses Buch ein völlig vergessenes, brisantes Kapitel der Marinegeschichte auf. .... Viele Monate der Heimatlosigkeit auf See, der Verlust ihres Schiffes in geographisch exponierter Position und fast fünf Jahre Internierung waren der Preis, den die DRESDEN-Besatzung damals zahlen musste, nachdem sie am Ende ihrer Bürgerkriegsmission am Rand der Karibik vom Kriegsausbruch 1914 überrascht worden war. Es folgte die Odyssee der längsten Einsatzfahrt, die jemals ein "aktives" Kriegsschiff der Marine vollbringen musste. Die Menschenführung des Kommandanten, die heute kaum noch vorstellbare hohe Einsatzbereitschaft der Mannschaft, der logistische Spürsinn und die immer wieder neu bewiesenen Improvisierungskünste aller Beteiligten verblüffen bis heute jeden, der jetzt erstmals davon erfährt. Der Kreuzer DRESDEN erlitt das wohl ungewöhnlichste Schiffsschicksal der deutschen Marine."


Und Maria Parker de Bassi widmet ihr Buch
"...nicht zuletzt aber auch der Bevölkerung von Dresden.
Sie hat eine rauchgeschwärzte Trümmerlandschaft
in eine Kulturstadt von Weltrang zurückverwandelt.
Zwischen ihrem ungebrochenen Mut
und jenem ihres einstigen Patenschiffes
besteht eine Art Seelenverwandtschaft."
Der geschichtliche Hintergrund

Das Schicksal "Seiner Majestät Schiff Kleiner Kreuzer DRESDEN" begann, als sie anfangs 1914 zusammen mit der SMS Karlsruhe vor Veracruz und Tampico deutsche und amerikanische Staatsbürger aus dem von einem erbarmungslosen Bürgerkrieg geschüttelten Mexico evakuierte. Aus dieser Zeit stammt auch die Legende, dass die DRESDEN einen nicht unbedeutenden Schatz, nämlich das Vermögen der Deutschen in Mexico, das sie nach Deutschland bringen sollte, mit auf den Meeresgrund genommen hat. Vielleicht ist das eine jener Geschichten, die vielen untergegangenen Schiffen anhaften und deren Wahrheitsgehalt mit der zunehmenden Dunkelheit der Tiefe, in der sie liegen, abnimmt. In der Folgezeit stand die DRESDEN mehrfach am Rande des Unterganges, aber Seemannsglück sowie Geschick des Kommandanten und der Schiffsführung gaben ihr immer wieder eine Galgenfrist. Entrinnen konnte die DRESDEN ihrem Schicksal aber nicht.
Unter ihrem neuen Kommandanten, Fregattenkapitän Fritz Lüdecke, einem Mann mit Charisma und leisen Tönen, dampfte die DRESDEN im August 1914 nicht wie vorgesehen in die Heimat, sondern nach Süden. Der Ausbruch des 1. Weltkrieges wies ihr, unvorhergesehen und nicht darauf vorbereitet, neue Aufgaben zu.
Ihr Kurs führte sie entlang der südamerikanischen Ostküste über Trindade um das Kap Hoorn in den Pazifik, wo sie zum Ostasiengeschwader des Admiral Graf von Spee detachiert wurde und mit diesem im Spätherbst zusammentraf. Das Geschwader sollte zunächst im Pazifik, später im Atlantik Kreuzerkrieg führen und die Handelswege des Feindes stören, wenn möglich unterbinden. Ganz unverhofft kam es zu einer Begegnung mit einem englischen Geschwader, welches aus den beiden Panzerkreuzern MONMOUTH und GOOD HOPE sowie den Kleinen Kreuzern GLASGOW und OTRANTO bestand. Vor der chilenischen Kleinstadt Coronel im Golf von Arauco kam es am 1. November 1914 zu einem damals als klassisch geltenden Seegefecht. Gegen die untergehende Sonne und in einer schweren Dünung hatten die deutschen Schiffe die englische Formation auf südlichen Kursen als silhouettenhafte Ziele an Steuerbord und versenkten in kurzer Zeit die GOOD HOPE und MONMOUTH. Die beiden Kleinen Kreuzer wählten die Flucht und entkamen. Die beiden englischen Panzerkreuzer jedoch nahmen über 1400 Seeleute aller Dienstgrade mit in die Tiefe. An sie erinnert heute ein Denkmal auf der Plaza de Armas in Coronel.
Graf v. Spees Geschwader ging am 3. November 1914 vor Valparaiso auf Reede. Es wurde von tausenden deutschfreundlicher Chilenen und noch mehr deutschen Einwanderern enthusiastisch gefeiert.

Vizeadmiral Graf von Spee
 
Seeschlacht bei Coronel
Seeschlacht bei Falkland
 
Der SMS DRESDEN gelingt die Flucht
 
Der letzte Mann

Am 13. November 1914 gingen die Anker wieder auf und das Geschwader nahm Kurs Süd. Noch ganz im Taumel des grandiosen Sieges von Coronel und dem Gefühl der absoluten Überlegenheit wollte v. Spee nun auch im Atlantik die deutsche Seemacht demonstrieren. Unter äußerst schwerem Wetter und der Begegnung mit den ersten Eisbergen umrundete das Geschwader am 30. November 1914 das Kap Hoorn. Die Einheiten mussten immer wieder bekohlt werden, ein schwieriges Manöver, das sehr viel Zeit in Anspruch nahm und nur in geschützten Buchten vollzogen werden konnte. Admiral Graf v. Spee hatte die verhängnisvolle Entscheidung getroffen, Kurs in den Atlantik zu nehmen und die Falklandinseln zu besetzen. Im tödlichen Irrtum, Port Stanley wenig belegt vorzufinden, fuhr das gesamte Geschwader seiner Vernichtung entgegen, denn Englands Flotte hatte zwischenzeitlich sämtliche verfügbaren Einheiten im Atlantik in Port Stanley zusammengezogen in der Hoffnung, die Deutschen würden ihnen entgegenkommen und waren somit auf ein großes Seegefecht bestens vorbereitet. All diese Ereignisse blieben dem deutschen Geschwader verborgen. Obwohl es genug warnende Stimmen und Hinweise vielfältigster Art gab, war Graf v. Spee entschlossen, nach Port Stanley in die Höhle des Löwen zu laufen, um die Seeherrschaft im Südatlantik zu erzwingen.
Die verhängnisvolle Fehleinschätzung der Lage und das Missachten von Warnungen aus seinem Geschwader bezahlte der Graf mit seinem Leben, dem seiner zwei Söhne, vieler hundert Seemänner und dem gesamten Geschwader - bis zunächst auf die SMS DRESDEN. Sie entkam als einziges kaiserliches Schiff dem Desaster. Ohne jegliche Aussicht auf Erfolg wurden die deutschen Einheiten systematisch von allen Seiten zusammengeschossen.
Noch einmal war aber das Schicksal mit der DRESDEN gnädig und ließ sie weitgehend unbeschädigt entkommen. Dank ihrer höheren Geschwindigkeit konnte sie ihre Verfolger abschütteln, dabei kam ihr eine plötzlich aufziehende undurchsichtige Nebelwand zu Hilfe und in einer seemännischen Meisterleistung gelangte sie durch schwieriges Gewässer, an englischen Einheiten vorbei, in die patagonischen Kanäle hinein.

In Punta Arenas konnten in aller Eile Kohlen übernommen werden und ehe die englischen Verfolger hier eintrafen, war die DRESDEN mit Hilfe des deutsch-chilenischen Lotsen Albert Pagels in die patagonischen Kanäle entwichen. Hier konnte sich die DRESDEN über zwei Monate verborgen halten und hat nicht selten das sie wütend verfolgende englische Großaufgebot genarrt. Immer dabei war der "Teufelskerl" Albert Pagels, der durch seine intimen Kenntnisse der Gewässer um Feuerland, Patagonien und Kap Hoorn stets dem oft drohenden Zugriff der Engländer zuvorkam, indem er mit der DRESDEN häufig den Liegeplatz wechselte und er sie in Verstecke lotste, die nur bei Flut zu befahren waren oder einen nicht bekannten Ausgang hatten. Damals gab es in dieser Region noch reichlich weiße Flecken, besonders auf den Seekarten. Aus Kohlenmangel wurde Holz verfeuert, das man reichlich direkt am Ankerplatz fand. Frischwasser hatte man genügend aus den Wasserfällen, die von Gletschern gespeist wurden. Für einen abwechslungsreichen Speiseplan sorgten die fischreichen Gewässer und man hatte eben diesen Albert Pagels, der für seinen unschätzbaren Einsatz für das Schiff und seiner Besatzung später mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde.
Bei all dem wurde es Fregattenkapitän Lüdecke bald klar, dass er aufgrund des inzwischen schlechten Zustandes des Schiffes, der Gefahr der Entdeckung durch die Engländer, die alle Anstrengungen unternahmen, die DRESDEN zu finden, den ständigen Schneestürmen und der immer schlechter werdenden Stimmung an Bord, nicht länger untätig in den Fjorden von Patagonien liegen konnte. Er musste das Schiff ins offene Meer bringen. Durch ein Labyrinth aus Inseln und Felsen, kleinen und großen Buchten und Untiefen lief die DRESDEN am 14. Februar 1915 in den Pazifik. Auf dem Weg nach Norden, entlang der chilenischen Küste kam es zu einer unverhofften Begegnung mit dem englischen Panzerkreuzer KENT, dem sich die DRESDEN nur durch eine höllische Flucht entziehen konnte. Diese letzte Raserei hatte dem Schiff den Rest gegeben. Mit nur noch 80 Tonnen Kohlen im Bunker, die Munition weitgehend verschossen und das gesamte Schiff in einem desolaten Zustand, hatte es seine Gefechtsfähigkeit verloren - das Ende war nahe! Die DRESDEN musste unbedingt in einen neutralen Hafen und sich internieren lassen.

SMS DRESDEN
 
Albert Pagels
Oberleutnant zur See Wilhelm Canaris
 
Die SMS DRESDEN mit weißer Flagge

Als einzige Möglichkeit und mit den vorhandenen Mitteln noch erreichbar, sah Lüdecke die ihm bereits bekannte Inselgruppe von Juan Fernandez als rettenden Hafen. Am 9. März 1915 erreichte sie die Cumberlandbucht im Norden der Insel Mas a Tierra und hier sollte sich, wie einst das Schicksal des Aleksander Selkirk (siehe unten), auch das der DRESDEN vollziehen.
Der letzte Akt begann am 14. März 1915, als die englischen Verfolger am Horizont erschienen und ohne Umschweife das Feuer auf die desolate DRESDEN eröffneten und tödliche Verwüstungen anrichteten. Auch aufgenommene Verhandlungen durch einen Parlamentär namens Oberleutnant zur See Wilhelm Canaris, dem späteren Admiral und berühmten Abwehrchef im 2. Weltkrieg, konnten das Schicksal nicht abwenden.
Nachdem Canaris mit einer ablehnenden Antwort zurückgekehrt war ("Wir haben die DRESDEN zu versenken, wo und wie wir sie antreffen. Andere Fragen kümmern mich nicht, sie müssen durch die Diplomatie geregelt werden."), wurden auf Befehl des Kommandanten die Bodenventile geöffnet und die Sprengladungen zur Selbstversenkung geschärft und gezündet, nachdem zuvor die Besatzung in Beibooten an Land in Sicherheit gebracht worden war. Der Panzerkreuzer KENT, der Kleine Kreuzer GLASGOW und das Hilfsschiff ORAMA hatten ihren Befehl ausgeführt - um 11.15 Uhr Ortszeit ging die DRESDEN mit wehender Flagge und unter einem dreifachem Hurra auf Kaiser und Schiff auf den Grund der Cumberlandbucht. Hier liegt sie in ca. 60 Meter Tiefe und heute ist die Stelle mit zwei gelben Bojen als Nationales Denkmal markiert. Später bot der britische Außenminister Sir E. Grey im Namen seiner Regierung der chilenischen Regierung "unbedingte weitestgehende Entschuldigung für das Vorgehen der britischen Einheiten" an. Damit war für England der eklatante Verstoß gegen das Völkerrecht erledigt.

Für die nun internierte Besatzung der DRESDEN war zwar mit dem Untergang ihres Schiffes der Krieg zu Ende, nicht aber ihre Irrfahrt fern der Heimat, in einem fremden Land und vor einer ungewissen Zukunft. Die kleine Insel Mas a Tierra war natürlich nicht für die Unterbringung und Versorgung so vieler zusätzlicher Menschen eingerichtet. So wurden bald die Schwerverletzten vom englischen Hilfskreuzer ORAMA und die übrige Besatzung von zwei chilenischen Kriegsschiffen zum Festland nach Valparaiso gebracht. Nachdem die Verwundeten in Valparaiso im Deutschen Hospital, aber auch auf dem englischen Kriegsschiff versorgt worden waren, brachte man die gesamte Dresden-Besatzung auf eine kleine Insel im Süden Chiles, namens Quiriquina, ganz in der Nähe der Bucht von Coronel. So endete das Schicksal der Besatzung der DRESDEN dort, wo es eigentlich am 1. November 1914 begonnen hatte.
Bald entwickelte sich ein geordnetes Lagerleben mit der gewohnten militärischen Disziplin und Ordnung. Jeder Tag begann wie an Bord mit einer Musterung, Arbeitsverteilung, Tagesroutine und endete schließlich abends mit einem Zapfenstreich. Schneider, Schuster, Gärtner, Enten-, Tauben- und Kaninchenzüchter sorgten für das leibliche Wohl, eine Künstlerkapelle und Theatergruppe für das geistige. In der Freizeit wurden Versteinerungen gesammelt und katalogisiert, Indianergräber untersucht, Modelle gebaut, der Jagd nachgegangen und allerlei Kunstgegenstände hergestellt, die man an die Bevölkerung der nahen Umgebung auf dem Festland verkaufte und so die Lagerkasse aufbesserte.
Das Lagerleben auf der Insel war keinesfalls langweilig. Eine Zeitung wurde herausgegeben und der Kontakt mit der Bevölkerung im Süden Chiles wurde immer enger, besonders mit den vielen Deutsch-Chilenen, die ja vornehmlich im vorigen Jahrhundert dort ins Landesinnere als Kolonisten eingewandert waren und die Region in eine fruchtbare Landschaft verwandelten. Mit seinen charismatischen Führungseigenschaften und einer strengen Disziplin gelang es dem Kommandanten, Fregattenkapitän Lüdecke, die Isolation fernab der Heimat für die Seeleute erträglich zu gestalten. Trotzdem konnte es nicht ausbleiben, dass den einen oder anderen die Flucht aus dem losen Gefängnis reizte und mit Hilfe von außen auch gelang - unter anderem dem Oberleutnant zur See Canaris, der auf abenteuerlichsten Wegen über Argentinien, Brasilien, Portugal und sogar England in die Heimat gelangte, um weiter in der kaiserlichen Marine zu dienen. Mit der kleinen Bark TINTO gelang einer ganzen Gruppe eine mehr als entbehrungsreiche und voller Gefahren steckende Flucht, die letztlich nach 124 Seetagen glücklich im neutralen Drontheim, Norwegen und dann schließlich in Kiel endete.
Über 300 Mann der Besatzung mussten aber noch bis in den Oktober 1919 auf der Insel ausharren. In den chaotischen Wirren des Kriegsendes und der Zeit danach wurden die Insulaner schlichtweg vergessen. Man hatte im zerschlagenen Deutschland wichtigeres zu tun, als sich um die am weitesten von der Heimat entfernten Internierten zu kümmern. Doch zu Silvester 1919 kamen 253 Mann in ihrer vom Krieg geschundenen Heimat an.

Die Cumberland Bucht
 
Die Odyssee der SMS DRESDEN
Denkmal für die Gefallenen der DRESDEN

Einige der Schiffsbesatzung waren gefallen, nicht wenige blieben in Chile, heirateten dort und bauten sich neue Existenzen auf. Noch heute leben viele Nachkommen der "DRESDEN-Leute" in der Umgebung von Concepcion, Valdivia, Osorno oder Temuco. Einige von ihnen sind in die Fußstapfen ihrer Vorfahren getreten und dienen heute in der chilenischen Marine.
Auf der Insel gibt es kleinen Friedhof, wo ein aus Natursteinen errichtetes Denkmal an die Gefallenen und das letzte Schiff des Ostasiengeschwaders des Grafen von Spee erinnert. Eine Gedenktafel nennt die Seeleute, die bei dieser Tragödie ihr Leben ließen. Das Denkmal wurde von der Ortsgruppe Valparaiso des Deutschen Offizierbundes im September 1922 errichtet und wird über die vielen Jahre hinweg von der Inselbevölkerung gepflegt. Ausgeblichene Schleifen von Kränzen zeugen von gelegentlichen Besuchen aus Deutschland.
Ein Besatzungsmitglied der DRESDEN, der Signalmaat Hugo Weber kehrte im September 1930 auf die Insel zurück und führte hier in der Einsamkeit, später mit seiner Ehefrau Hanna, die er per Zeitungsannonce kennen lernte und nachkommen ließ, 12 Jahre lang ein Leben nach seinem Geschmack in aller Beschaulichkeit. Während des 2. Weltkrieges musste er wegen Spionageverdachtes die Insel verlassen. Er ist den Insulanern als der "Robinson Aleman" heute noch in guter Erinnerung. An sein paradiesisches Reich erinnert heute kaum noch etwas auf der Insel und alles, was er und seine Hanna errichtet hatten, hat der üppige Urwald längst wieder verschlungen. Über seine Erlebnisse und Abenteuer von damals hat Hugo Weber ein Buch geschrieben.

Das Andenken an die DRESDEN

Ganz in Vergessenheit geraten sind die Ereignisse von 1915 nicht - bis heute. Die Besatzungsmitglieder, die nach Deutschland zurückgekehrten, haben in "Marinekameradschaften S.M.S. Dresden" ihre Traditionen gepflegt. Unterlagen darüber existierten bis zum Kriegsende 1945. Der größte Teil des Bestandes an Dokumenten und Unterlagen wurde aus der Furcht heraus vernichtet, er könnte den Alliierten in die Hände fallen und diese könnten darin möglicherweise Kontakte und Zusammenhänge zu Personen in noch aktiven militärischen Kreisen finden.
In Coswig bei Dresden besteht seit 1990 wieder eine "Marinekameradschaft Dresden 1896 e.V.". Diese Namensgebung, an alte Traditionen anknüpfend, hat aber keinen Bezug zu dem Schiff. Zur Pflege des historischen Erbes der SMS DRESDEN haben sich unterschiedliche Gruppen zusammengefunden. Sie bestehen aus Freunden der Marinegeschichte und Historikern, die in Deutschland, Brasilien, Chile und Argentinien beheimatet sind und die, wie auf einem Trödelmarkt der Geschichte, verstreute Dokumente und neue Fakten über die DRESDEN aus aller Welt zusammentragen.
Vielleicht mehr noch als in Deutschland, ist das Andenken an den Kreuzer DRESDEN im Geschichtsbewusstsein der Chilenen wachgeblieben. Wer heute von Deutschland aus zu den Ereignissen um die DRESDEN in Chile anfragt, wird bei vielen kommunalen und staatlichen Stellen auf ein überraschendes Echo und freundliches Entgegenkommen stoßen. Von Punta Arenas bis Valparaiso und Concepcion sind noch die gut erhaltenen Dresden-Denkmale zu finden. Vergeblich sucht man dagegen in Dresdens Militärhistorischem Museum nach Exponaten, die an den "Kleinen Kreuzer DRESDEN" erinnern. Wohl aber hat es hier vor einigen Jahren eine zeitweilige Ausstellung gegeben, die unter maßgeblicher Mitwirkung des Dresdners und Kenners der Materie, Wolfgang Kiwitt, zustande gekommen war.
Die einzige deutsche Museums- und Gedenkstätte für die DRESDEN ist heute in der Marineschule in Mürwik / Flensburg zu finden. Hier sind auch verschiedene Ausstellungsstücke vom Wrack der DRESDEN zu sehen, die von chilenischen Marinetauchern geborgen und als freundschaftliche Geste der deutschen Marine übergeben wurden. Auch fuhr im Jahre 1999 eine deutsche Fregatte nach Chile, um in der Cumberland-Bucht des Kreuzers und der gefallenen Matrosen zu gedenken.
Zu der kleinen chilenischen Insel, in deren Bucht das versenkte Wrack der DRESDEN im Pazifik liegt, gibt es einige interessante Anmerkungen:
Es ist wohl nicht jedem bekannt, dass das kleine Archipel ca. 700 Kilometer westlich der chilenischen Pazifikküste mit dem Namen "Islas Juan Fernandez" tatsächlich der Ort ist, auf dem der schottische Seemann Aleksander Selkirk wegen "ständiger Aufsässigkeit" von seinem Kapitän 1704 ausgesetzt wurde und wo er dann mehr als 4 Jahre seines Lebens in völliger Abgeschiedenheit und Einsamkeit mehr als naturnah zugebracht hatte.
Natürlich gab es da keinen Gefährten namens Freitag und auch die gelegentlichen Besuche von Kannibalen entsprangen der Phantasie des Schriftstellers Daniel Defoe, der die weltberühmte Geschichte kurzerhand auf eine kleine Insel in der Orinokomündung verlegt hatte. Den ursprünglichen Namen der richtigen Robinsoninsel, "Mas a Tierra" (näher zum Land hin), hat das kleine Eiland von seinem Entdecker, dem spanischen Lotsen Juan Fernandez, erhalten. Später wurde die Inselgruppe ihm zu Ehren "Archipelago Juan Fernandez" genannt. Seit einigen Jahren heißt die Insel nun "Isla Robinson Crusoe", ein für den Tourismus gewiss wohlklingenderer Name.
Die Besatzung des Kreuzers DRESDEN bestand aus 351 Matrosen und 14 Offizieren. Einige davon stammten aus Dresden und Umgebung:

  • Otto Schenk, Leutnant zur See (Autor mehrerer Veröffentlichungen zur DRESDEN)
  • Max Günther, Bootsmann Maat
  • Alfred Köthe, Oberheizer
  • Richard Regler, Oberheizer
  • Fritz Rudolph, Oberheizer
  • Strohbeil, Oberheizer
  • Hahn, Obermatrose
Gibt es Nachfahren dieser Seeleute, die noch über Erinnerungsstücke oder Berichte verfügen?
Von der DRESDEN-Mannschaft hergestellte Kiste
 
Übergabe einer von der DRESDEN-Mannschaft
hergestellten Lampe an Gedenkstätte Mürwik
 
Die Robinson-Hütte
Chilko-Gebirge, Kanada
Die Escuela Dresden
Namensspuren "Dresden"

An der Südspitze Chiles sind die Liegeorte des Kreuzers DRESDEN heute als geographische Bezeichnungen in den Land- und Seekarten verzeichnet. So findet man nahe des Kap Hoorn einen Dresden-Hafen, einen Dresden-Fjord und einen Dresden-See.
Im Norden des amerikanischen Kontinents, im kanadischen Bundesstaat British Columbia, befindet sich ein Berg, genannt "Dresden Mountain". Der erstaunte Dresdner wird sich fragen, wieso gerade dort ein rund 2600 Meter hoher schneebedeckter Berg "Dresden" zu finden ist. Klar wird das, wenn man sich die Namen der anderen Gipfel des Chilko-Gebirges ansieht: Die Berge wurden im Andenken an die Schlacht von Coronel benannt. Deshalb findet man hier auch einen "Coronel-Mountain", einen "Leipzig Mountain" und einen "Scharnhorst Mountain". Weitere Berge tragen die Schiffsnamen Canopus, Otranto, Good Hope, Glasgow und Monmounth. Das unwegsame, schneebedeckte Hochgebirgsgebiet ist ein Kletterparadies für die kanadischen Bergsteiger. Erste Kontakte zum Deutschen Alpenverein, Sektion Dresden sind bereits geknüpft und vielleicht kommt es noch vor der 800-Jahrfeier Dresdens zu einer Besteigung des "Dresden-Mountain" durch sächsische Bergsteiger.
Schließlich sei noch eine andere, ganz ungewöhnliche Namensspur im Zusammenhang mit dem Kreuzer DRESDEN genannt: Als der chilenisch-deutsche Lotsenkapitän Albert Pagels im Jahre 1915 in einer dramatischen Aktion bei stürmischem Wetter das Versorgungsschiff "Sierra Cordoba" zum Versteck des Kreuzers DRESDEN führte, wurde ihm in Punta Arenas seine erste Tochter geboren. Da lag es nahe, dass das neugeborene Mädchen den Namen des Schiffes erhielt, das dem Vater so viel bedeutete.
Ende der 30er Jahre besuchte Frau Dresden Pagels gemeinsam mit ihrem Vater die Stadt Dresden. Sie waren Ehrengäste des Oberbürgermeisters und hatten sich beide in das Goldene Buch der Stadt eingetragen. Leider ist dieses beim Angriff 1945 in den Kellerräumen des Rathauses durch Hitzeeinwirkung vernichtet worden. Frau Dresden Graff Pagels erfreut sich trotz ihres hohen Alters noch bester Gesundheit und Vitalität. Die Stadt Dresden hat sie bis jetzt noch nicht wieder besucht.
Die kleine Volksschule des etwa 400 Einwohner zählenden Dorfes San Juan Bautista auf der Insel Robinson Crusoe trägt den Namen Escuela Dresden (Schule Dresden). Erstmals seit mehr als 80 Jahren überhaupt gibt es jetzt Verbindungen von der Stadt Dresden zu dieser Schule. Eine Spanisch-Klasse des Gymnasiums in Dresden- Roßthal unterhält diese Kontakte. Eine reizvolle und praktische Gelegenheit für junge Menschen, sich mit einem Stück unserer Geschichte vertraut zu machen und zugleich freundschaftliche Kontakte über die Kontinente zu knüpfen.